Wassercollagen l
Wasser als Weg
Obwohl Wasser eines der wichtigsten Güter auf unserer Erde ist, rinnt es uns zwischen den Fingern hindurch. Die Menschen haben daher früh versucht es aufzufangen, zu lagern, zu leiten. Der alltägliche Umgang mit Wasser nimmt in allen Kulturen viel Zeit in Anspruch und ist eng mit dem menschlichen Leben verbunden.
Wie geht nun Annelie Herrmann mit Wasser als gestalterischem Material um? Sie stellt Wasser in durchsichtigen Behältnissen aus und fängt die vergänglichen Wasserlagerungen in Fotografien ein. Durch das Abfüllen von Wasser in transparente Plastiksäcke bilden sich tropfenartige Objekte mit durchsichtiger Haut, die kein Zerfließen der Form zulässt. Es entstehen geschlossene Formen des klaren Elements, die aber dennoch beweglich bleiben und an den flüssigen Aggregatzustand erinnern.
In einer anderen Serie ihres Werkes lässt sie Ballons in Wasser schwimmen. Der künstlerische Eingriff ist hier minimal, und das Kunstwerk erscheint als scheinbar schwebendes Spiegelbild.
Antoine de Saint-Exupéry hat einmal geschrieben: „Der Fluß in Bewegung stellt eine Reserve dar, nicht die Gegenströmung. Hundert Grad, die aus dem Dampfkessel hervorgegangen sind, nicht hundert Grad der Sahara am Äquator; hundert absolute Grade und nicht drei absolute Grade. Wenn ich mir nun Licht mache, habe ich die Energie des Wasserfalls verausgabt, die ein konkretes Kapital darstellte; sobald aber meine Lampe mir Licht gespendet hat, habe ich einen geringen Teil jener Photonen zerstört um meines persönlichen Nutzens willen.“ (Antoine de Saint Exupéry: Carnets. Hamburg, 1963)
Annelie Herrmann erschafft durch ihre eingesetzte Kraft eine kleine Reserve; sie setzt einen Fluss in Gang. Hier fliesst das Wasser nicht, und doch fliesst Energie. Der Betrachter kann sich Zeit nehmen, die Formen des Wassers zu beobachten und deren Energie wahrzunehmen. Es lässt sich ein Herausarbeiten von Geometrie und Ordnung entdecken, die der zerfließenden amorphen Struktur des Wassers eine klare Form zu geben versucht. Das Kunstwerk erscheint als Wechselspiel zwischen dem Element Wasser und dem Werk des Menschen. Damit tritt die Kunst in einen Dialog mit der Natur. Diese Vorgehensweise hat eine lange kulturgeschichtliche Tradition, beispielsweise in der Gestaltung von Parkanlagen des 18. Jahrhunderts. Barockgarten und Englischer Garten, Kunst und Natur sind die Pole dieser Kunstrichtung.
Peer Gessing
Das Wechselnde in Szene gesetzt
Wasser – ein Urelement. Es ist weich und hart, kalt und warm, ruhig und voller Kraft. Es fügt sich leicht in jede Form, passt sich jedem Gefäß an. Ein Stoff mit diesen Möglichkeiten eignet sich hervorragend für die künstlerische Gestaltung.
Annelie Herrmann nutzt das Wasser auf ganz eigene Art und Weise. Mit Phantasie und Experimentierfreude zeigt sie uns das nasse Element in immer neuen und überraschenden Varianten. Die Farben spielen dabei keine grosse Rolle.
Alltägliche Behälter und Hüllen werden mit Wasser gefüllt und in neue Zusammenhänge gebracht. Auf diese Weise wird die Wahrnehmung des Betrachters erweitert und geschärft. Ein durchsichtiger Beutel, mit Wasser gefüllt auf dem Boden liegend, wird zu einem Riesentropfen oder einer Seerose. In einer Schüssel kann er wie Teig über den Rand quellen ohne zu zerfliessen.
Auch mit den beiden anderen Aggregatzuständen des Wassers, Eis und Dampf, beschäftigt sich Annelie Herrmann.
Es ergibt sich ein fast unerschöpfliches Repertoire für ihre Installationen, die in fotografischen Bildern festgehalten werden. Oft entsteht aus der ursprünglichen Idee für ein Foto ein grösseres Projekt, zum Beispiel eine Performance. Hier steht der Betrachter nicht mehr vor dem Kunstwerk, sondern wird ein Teil desselben. Diese Wechselwirkung zwischen Werk und Betrachter hält Annelie Herrmann wiederum fotografisch fest. Ein vergängliches Kunstwerk kann auf diese Weise erhalten und neu dargestellt werden.
Christina Menner-Zint
Annelie Herrmann
Wassercollagen
Herausgeberin: Annelie Herrmann, Biberach an der Riss, Deutschland
Fotos: Annelie Herrmann
Texte: Peer Gessing, Christina Menner-Zint
Übersetzung: Liz Reusche
Gestaltung: Petra Articus, Articus-Design, Schammach
Herstellung: Fotostudio Gallus, Biberach an der Riss, Herrman Druck + Media, Sonnenbühl
Katalog: Auflage 500 Stück, Preis 14 €
© 2001 reserved by Annelie Herrmann, Biberach an der Riss, und die Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Eine private Kopie für persönliche Zwecke darf angefertigt werden.
Water collages l Water as a path
Although water is one of the most important commodities on earth, it runs through our fingers. This is why human beings have always tried to capture it, to store it, to channel it. Handling water on a day-to-day basis takes up a lot of time in every culture and is closely linked to human life.
So how does Annelie Herrmann handle water as a creative material? She presents water in transparent containers and captures the transitory storage in the form of photographs. By filling the water into transparent plastic sacks, objects evolve in the shape of drops of water with a transparent skin which do not allow any dissolution of the form. The clear element is captured into closed shapes which nevertheless remain mobile and remind the beholder of the underlying liquid state.
In another series Annelie Herrmann floats balloons on water. The artistic operation itself is minimal and the work of art appears as a seemingly suspended mirror image.
As Antoine de Saint-Exupéry wrote: „The moving river represents a resource, not the countercurrent. One hundred degrees which emit from the steam boiler, not one hundred degrees of the Sahara at the equator, one hundred absolute degrees not three absolute degrees. Whenever I turn on the light I use the energy of the waterfall which represents concrete capital; however, as soon as my lamp has given me light, I have destroyed a tiny part of those photons for the sake of my own personal use.“ (Antoine de Saint Exupéry: Carnets. Hamburg, 1963)
Annelie Herrmann creates a small resource through the power she uses; she sets a current in motion. Water does not flow here and yet energy does. The beholder can take the time to observe the forms of the water and to perceive its energy. The perception allows the discovery of the geometry and discipline which attempt to give the flowing and amorphous structure of the water a clear form. The work of art appears as an
interplay between the element of water and the work of the artist. Art enters into communication with nature. This procedure has a long historico-cultural tradition, for example in the design of parks in the eighteenth century. Baroque and English gardens, art and nature are the poles of this art form.
Peer Gessing
Setting the stage for the changing element Water - an elemental element. It is soft and hard, cold and warm, calm and full of power. Pliably it fits into every shape, adapts itself to every receptacle. These characteristics make this material eminently suitable for creative art.
Annelie Herrmann uses water in a very special way. She presents the wet element with imagination and a willingness to experiment in constantly novel and unexpected variations, whereby colours play no significant role.
Everyday containers and receptacles are filled with water and transformed into a new context. In this way the perception of the beholder is broadened and honed. A transparent bag, filled with water and placed on the ground, can become a gigantic drop of water or a water lily. Placed in a bowl it can billow over the edge without the water running away.
Annelie Herrmann is also fascinated by the other forms of water, ice and steam. These offer her an almost inexhaustible repertoire for her installations which can be captured and recorded in the form of photographs. The original idea for a photograph often develops into a larger project, such as a performance. Here the audience no longer stands apart from the work of art, but becomes an integral component. This interplay between art and beholder is also captured by Annelie Herrmann in photographic form, hence preserving it whilst also showing it from a new perspective.
Christina Menner-Zint
Annelie Herrmann
Wassercollagen
Publisher: Annelie Herrmann, Biberach an der Riss, Germany
Pictures: Annelie Herrmann
Texts: Peer Gessing, Christina Menner-Zint
Translation: Liz Reusche
Design: Petra Articus, Articus-Design, Schammach
Production: Fotostudio Gallus, Biberach an der Riss, Herrman Druck + Media, Sonnenbühl
Catalogue: Number of copies 500, price 14 €
© 2001 reserved by Annelie Herrmann, Biberach an der Riss, and the authors. All rights reserved.
A private copy for personal purposes may be made.
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